Katrin Sell, Autorin aus Berlin
 

c i n e p h i l - Politische und gesellschaftliche Themen

Zur Arbeit gezwungen
Zur Geschichte der NS-Zwangsarbeit
Das Thema Zwangsarbeit stand lange nicht im Fokus der Aufmerksamkeit. Erst als die Frage nach einer Entschädigung laut wurde, wendete man sich dem Schicksal dieser Menschen zu, deren Schätzung bei 8 Millionen liegt. Doch bei kaum einem anderen Thema gab es so ein breites Feld an Nichtwissen, Verschweigen und Fehlinformationen. Jahrzehnte lehnte die Bundesrepublik eine Entschädigung ab, und eine vollständige Entschädigung wird es wohl nie geben. Dabei empört das Vorgehen der Nazis noch heute. Sie versuchten mit der Zwangsarbeit eine neue Form der Leibeigenschaft, ein System der allgemeinen Verfügbarkeit über andere Menschen zu organisieren. Damit stellt der nationalsozialistische Ausländereinsatz zwischen 1939-1945 den größten Fall von zwangsweiser Verwendung von Arbeitskräften in der Geschichte seit dem Ende der Sklaverei im 19. Jahrhundert dar.
Filmvorführung: Das Heimweh des Walerjan Wróbel (Deutschland 1990)
RE: Rolf Schübel, DA: Arthur Pontek, Michael Gwisdek
Der Regisseur zeichnet einen authentischen Fall aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs nach, der in exemplarischer Weise das Unrechtssystem des Dritten Reichs innerhalb der Justiz aufzeigt. Es ist die Geschichte des sechzehnjährigen polnischen Zwangsarbeiters Walerjan Wróbel, der 1941 aus Heimweh eine deutsche Bauernscheune anzündet und dafür nach mehrmonatigem KZ-Aufenthalt von einem Bremer Gericht zum Tod verurteilt wurde.


Der Gulag - deutsche Schicksale im Gulag
Von 1929 bis zu Stalins Tod 1953 haben ungefähr achtzehn Millionen Menschen das System von Zwangslager durchlaufen, das gemeinhin als Gulag bezeichnet wird. Schätzungsweise 4,5 Millionen kamen nicht zurück. Viele von ihnen wurden nicht für das verhaftet, was sie getan haben, sondern dafür, was sie waren. Das traf besonders für die Deutschen im Gulag zu, wie überhaupt alle Ausländer in der Sowjetunion unter Stalin potentiell als Spitzel beäugt wurden. In einem Vortrag soll auf die Geschichte des Gulags eingegangen werden und insbesondere auf das Schicksal der Deutschen, die häufig vor den Nazis in Deutschland geflüchtet waren in der Hoffnung auf Rettung.
Filmvorvorführung: Im Schatten des Gulag/Als Deutsche unter Stalin geboren (Dokumentarfilm, Deutschland 2011)
Regie und Buch: Loretta Walz
An ein Leben 'Im Schatten des Gulag' erinnern sich acht Frauen und Männer, die ihre Kindheit und Jugend in der Sowjetunion verbrachten und deren deutsche Eltern während der stalinistischen "Säuberungen" von eigenen Genossen verfolgt und ermordet wurden. In ihrer zweiten Heimat, der DDR, sind sie zum Schweigen verpflichtet worden. Erst nach 1989 können sie über ihr Leben in der Sowjetunion offen sprechen.


Die Darstellung des Undarstellbaren - Holocaust und Film
Seit Ende des 2. Weltkrieges hat es immer wieder Verfilmungen zum Thema der Judenverfolgung gegeben. Es war unter anderem der Versuch, das Undarstellbare darzustellen. Einige behaupten, die Grenzen des Darstellbaren sind weit überschritten, sodass nichts anderes übrig bleibe, als zu verstummen. Doch, wie kann man über etwas schweigen, worüber nicht geschwiegen werden darf? Neben gescheiterten und zwiespältigen Werken gibt es auch außerordentliche gelungene Filme wie Konrad Wolfs Sterne. Der Vortrag will einen Überblick geben über die wichtigsten filmischen Werke zum Thema Holocaust und Film und die Schwierigkeiten erwähnen, die mit einer glaubwürdigen Umsetzung des Themas einhergehen.
Filmvorführung: Am Ende kommen Touristen (Deutschland 2007)
RE: Robert Thalheim, DA: Alexander Fehlling, Barbara Wysocks u.a.
Der Film des jungen Regisseurs Robert Thalheim nähert sich auf ungewöhnliche Weise dem Thema Holocaust und Auschwitz. Der Film taucht nicht in die Vergangenheit, sondern fragt nach dem Stellenwert des Holocaust im Leben des Einzelnen und in der heutigen Gesellschaft. Der 19-jährige Zivildienstleistende Sven kommt ins polnische Oświęcim, das unter dem Namen Auschwitz bekannt ist. Dort soll er im internationalen Begegnungszentrum arbeiten und sich vor allem um den betagten KZ-Überlebenden Krzminksi kümmern. Die Annäherung zwischen den beiden - dem Überlebenden des Holocaust und dem jungen Deutschen - gestaltet sich von Beginn an schwierig. Thalheims Film erhielt 2008 bei der Verleihung des deutschen Filmpreises eine Nominierung für die Kategorie bester Film.


Zur Geschichte des Films im Dritten Reich
Goebbels und der "Großdeutsche" Film
Filmvortrag mit Filmbeispielen!

Am 30. Januar 1933 erfolgte die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Nur wenige Zeitgenossen von damals haben diese historische Zäsur in ihrer Dimension erfassen können. Es begann eine Schreckensherrschaft, in deren Auswirkung es zur Verfolgung gegenüber Andersdenkenden kam, sodass viele Intellektuelle und Wissenschaftler das Land verließen. Trauriger Höhepunkt war die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz. Nunmehr war klar, dass alles, was sich nicht dem Geiste des Nationalsozialismus unterordnete, vernichtet wurde. Für das kulturelle Leben hatte das fatale Folgen. Bücher und Filme, die eben noch erhältlich waren, verschwanden aus dem öffentlichen Leben. In Hinblick auf den Film kam es zu einer Reihe von Verboten, wie z.B. Kuhle Wampe von Slatan Dudow und Bertolt Brecht.
In einem Vortrag soll sich mit der Situation des Films in jenen Jahren beschäftigt werden. Denn es kam nicht nur zu Verboten, sondern Goebbels, für den Film zuständig, wollte einen neuen deutschen nationalsozialistischen Film schaffen. Es fanden sich auch rasch Protagonisten, wie der Regisseur Veit Harlan oder auch der ehemals kommunistisch gesinnte Schauspieler Heinrich George, die auf die Linie der neuen Machthaber einstimmten. Wir wollen anhand einiger Filmbeispiele, die offene z.B. Hitlerjunge Quex, aber auch die oft unterschwellige Propaganda der Filme zeigen z.B. Das Wunschkonzert, sodass ein Bild entsteht, auf welche Weise der Nationalsozialismus den Film für seine Zwecke dienstbar machte.


Lachende Erben - toller Tag
Zum deutschen Unterhaltungsfilm in den Jahren 1933-1945
Filmvortrag mit Filmbeispielen

Den größten Filmanteil im Dritten Reich lieferten die Unterhaltungsfilme, oftmals von äußerst seichter Machart. Deshalb wird noch immer gern eine Grenze zwischen Tendenzfilmen voller NS-Ideologie einerseits und "unpolitischen" Unterhaltungsfilmen andererseits gezogen. Doch ideologische Elemente finden sich auch in den Melodramen und Frauenfilmen, den Liebesfilmen und Filmoperetten. Für Goebbels war ein guter Propagandafilm ein guter Unterhaltungsfilm, nationalsozialistischen Kitsch wies er zurück. Mit Mitteln wie Gesang, Tanz, Abenteuer wurden Inhalte vermittelt, die letztlich eine nationalsozialistische Botschaft darstellen konnten. Der Film war ein Weg, sich in eine Welt der Illusionen zu flüchten: Beliebt waren Filme mit Stars wie Heinz Rühmann und Produktionen wie Baron Münchhausen und Die Feuerzangenbowle boten Unterhaltung, während sich in Stalingrad eine der großen Katastrophen des 2. Weltkrieges abspielte. In einem Vortrag sollen einige Unterhaltungsfilme vorgestellt werden und ihre mehr oder minder subtilen Botschaften.


Rosa Luxemburg - ein Leben für die Revolution
Rosa Luxemburg hatte nicht nur Zeit ihres Lebens mit starken Anfeindungen zu kämpfen, sondern selbst in der DDR, die vorgab, ihr Erbe zu pflegen, wurden einige ihrer wichtigsten Schriften nicht oder nur unvollständig veröffentlicht. Ihr Gesamtwerk erschien erst ab 1970, ihre Kritik an Lenin gar erst 1974. Dabei wurden ihre radikaldemokratischen und antimilitaristischen Texte als "Irrtümer" kommentiert. In einem Vortrag soll auf das Leben und Werk der großen Visionärin und Revolutionärin eingegangen werden.
Filmvorführung: Rosa Luxemburg (BRD 1986)
RE: Margarethe von Trotta, DA: Barbara Sukowa, Otto Sander u.a.
Unzufrieden mit den gesellschaftlichen Zuständen um 1900, greift Rosa Luxemburg ins politische Geschehen ein und avanciert zur populärsten Verfechterin eines demokratischen Sozialismus. Die Kompromisslosigkeit der couragierten Revolutionärin passt nicht in das Parteikonzept der SPD. Nach ihrem Ausschluss bleiben Rosa nur noch ihre Mitstreiter Clara Zetkin und Karl Liebknecht. Margarethe von Trottas einfühlsames Porträt der radikalen Friedenskämpferin ist ein einnehmendes Stück deutscher Geschichte. Barbara Sukowa erhielt in Cannes die "Goldene Palme" als beste Darstellerin.


Ich habe einen Traum - Die Lebensgeschichte des Martin Luther King
"Wenn wir nicht lernen, miteinander als Brüder zu leben, werden wir als Narren miteinander untergehen." Nach wie vor sind Martin Luther Kings Worte brandaktuell. Armut, Krieg und Rassismus sind Probleme, die unsere Welt ins Wanken bringen. Der bedeutendste Anführer der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung glaubte, mit friedlichen Mitteln eine gerechte Welt erkämpfen zu können. Einige hielten ihn deshalb für einen harmlosen Träumer. Andere fürchteten ihn - nicht nur das FBI.
Filmvorführung: Miss Daisy und ihr Chauffeur (USA 1989)
RE: Bruce Beresford, DA: Jessica Tandy, Morgan Freeman u.a.
Die Südstaaten der USA in den 50er Jahren: Es ist die Zeit eines Martin Luther King, in der die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung allgegenwärtig ist. Misstrauen und Vorureile begegnen ihnen selbst da, wo die Schwarzen die Rolle des Bediensteten einnehmen. Zur Handlung: Als Autofahrerin ist die reiche, jüdische Südstaatenlady Miss Daisy eine Katastrophe. Nachdem sie mehrere Autos zu Schrott gefahren hat, schreitet ihr Sohn ein und engagiert den farbigen Chauffeur Hoke. Doch davon ist die starrköpfige Witwe überhaupt nicht angetan, die ihre schwarzen Angestellten stets mit Ignoranz strafte. Doch auch sie muss erkennen, dass sie als Jüdin, ebenso wie die Schwarzen, trotz ihrer gehobenen gesellschaftlichen Position, zu einer diskriminierten Randgruppe gehört. Eine ungewöhnliche Freundschaft entwickelt sich, die völlig ohne Kitsch und Klischees auskommt und damit umso liebenswerter ist. Eine gelungene Tragikomödie, die mehrere Oscars erhielt.



 

 

© Hintergrundfoto "cinephil": Rainer Sturm/pixelio.de